Korsika an backbord...

 

Start in Italien

Italien, Toscana, genau genommen Piombino, eine hässliche Stadt mit qualmenden Stahlgießereien und ähnlich hübscher Montanindustrie, Industrie also von der Art, die im Ruhrgebiet gerade durch Rieseneinkaufscenter, Erlebnisparks und Konzertarenen ersetzt wird. Aber dennoch: Sie sollte der Ausgangspunkt unserer Fahrt werden -  nicht etwa San Fiorino 10 Kilometer weiter nördlich, nein, bloß nicht, 65,- Euro kann man für das Kranen des Boots, Oneway Ticket selbstverständlich, wirklich nicht verlangen.
Also haben wir mit Piombino vorlieb genommen, eine Stadt, die Heimathafen der großen Urlauberfähren Richtung Elba, Korsika, Sardinien und wer weiß noch wo ist, und in deren Hafenbecken sich in einer hinteren Ecke eine flache und nicht sehr tief gehende Slipbahn befindet, die anscheinend keiner sehr interessierten italienischen Autorität untergeordnet zu sein schien. Slippen zum Nulltarif zwischen lärmenden Fabriken, stinkenden, koksschluckenden Stahlschmelzereien und dem wirren Verkehr des Hafens. Nun - wir hatten Spaß, war doch gerade eben ein großer Teil unserer Urlaubskasse gerettet worden.
Eine Stunde später stehen wir am Steg vor einem recht ansehnlichen Berg aus Kleidung, Getränken, und dem, was man bei Lidl für 114,47 € Essbares bekommt, um das Boot zu beladen. Nun, jeder Regattafighter packt sich bestimmt jetzt an den Kopf, keiner würde auch nur mehr als eine Wasserflasche zu viel mitnehmen, aber wir waren nicht beim Hatz um die Tonnen, sondern auf größerer Fahrt, und als Selbstversorger auf Konservenbasis zu dem Zeitpunkt der mit 230 Kilogramm Beladung bestimmt schwerste Fighter, der seinen Steven je auf eine Hafenausfahrt gerichtet hat. In Piombino ist diese recht breit, das fordern wohl die ein- und ausfahrenden Fähren, die uns noch am frühen Abend zum seglerischen Slalom zwingen würden.

Warum lasse ich mich eigentlich immer von der Frau Kaleu dazu überreden, zu so fortgeschrittener Uhrzeit den sicheren Hafen oder die geschützte Bucht zu verlassen? Nun, zum einen habe ich mal gelesen, dass sich der männliche Teil der Menschheit am weiblichen im Allgemeinen und im Speziellen an der eigenen Frau im Besonderen ergötzen soll. Zum Anderen hat sie oft mit zeitlichen Einschätzungen recht, und, wie ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, anscheinend einen auf die Minute vorüberlegten fertigen Zeitplan unseres Gesamttörns im Kopf. Und ehe ich mich versehe, stehen wir mit gesetztem Großsegel VOR, und nicht mehr HINTER der Hafeneinfahrt, steuern hart am Wind auf die Nordspitze Elbas zu, und lassen Rot und Grün der Leuchttürme hinter uns.
Die Frau Kaleu behielt auch Recht, konnten wir doch am späten Abend in einer belebten Bucht bei Portoferrario neben einer Menge Charterjollen an einer Muringtonne festmachen. Der abendliche Ablauf, den wir nun zum ersten Mal durchspielten, sollte sich in der nächsten Zeit nicht wesentlich verändern: Alle Kochutensilien sowie einige kleinere Taschen mussten raus aus der Kajüte aufs Achterdeck, verhindern sie doch eine Nutzung des Bettes. Einer von uns schmeißt den Gaskocher für Nudeln / Reis / Knödel / usw. an, während der andere die Matratzen hochhebt, und mit einem Schwamm für Trockenheit sorgt. Überhaupt die Matratzen: Wir schlafen im Fighter nicht auf unhandlichen Luftmonstern, selbstaufblasenden High Tech Teilen oder veralteten Isomatten der Marke "Fakir". Nein! Wir haben unsere Fauteils aus Schaumstoff selbst zugeschnitten. Für hundert Mark den Rohschaumstoff besorgt und diesen dann auf der Bandsäge an Fightermaße und -rundungen angepasst. Aber keine Angst, liebe Regattafreunde, Lattenroste sind nicht eingebaut. Aber wo waren wir, ah ja, bei der ersten Bucht:

Warum hat man eigentlich an die ersten und letzten Nächte eines Törns immer so genaue Erinnerungen? Vielleicht ist das ja eine Art Phänomen. Ich weiß noch genau, wie abends die Strandboys mit dem Schlauchboot rumfuhren, um die Charterjollen für die Nacht vorzubereiten. Ich weiß noch genau, wie wir zum ersten Mal Spaghetti gegessen haben. Und ich weiß noch genau, wie wir von den Anstrengungen dieses Tages schnell im Rhythmus der kleinen Wellen und fest vertäut an unserer Tonne eingeschlafen sind. Man wollte schnurren wie eine Katze, so schön warm und trocken war es. Noch.
 


kurz vor der Ankunft auf Elba

nächste Seite

[Seite::1]